Kerstin Hack: Friedvoller Ramadan. Vorschläge für Unterkünfte.

Kerstin Hack: Friedvoller Ramadan. Vorschläge für Unterkünfte.
30 Mai 2016

Jedes Jahr steht der Monat Ramadan an, in dem gläubige Muslime 30 Tage lang von Sonnenauf- bis -untergang nichts essen und auch nichts trinken. Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, wie die geflüchteten Menschen in den Notunterkünften diese Zeit auf eine gute Art und Weise miteinander erleben können.

Das kam so: Ich kenne viele Geflüchtete – Muslime und Nichtmuslime.  Einige sind für mich zu Freunden geworden. Wir teilen einander mit, was uns bewegt. Ein muslimischer Freund erzählte mir, dass es ihm vor diesem Sommer-Ramadan schon graut. Er erklärte mir, dass der Ramadan, der sich ja im Kalender verschiebt, 2016 auf die Zeit des Jahres mit den längsten Tagen fällt – das bedeutet: 19 Stunden ohne Essen und Trinken!

Fasten kenne ich – wie viele andere Menschen – als individuelle Glaubens- oder Gesundheitspraxis. Manchmal verzichte ich – etwa in der kirchlichen Fastenzeit – auf leckere Speisen, in anderen Fastenzeiten nehme ich gar keine feste Nahrung zu mir. Wer schon einmal einen Tag oder länger gefastet hat, weiß, wie stärkend und klärend so eine Phase sein kann. Aber vielleicht kennt er auch die möglichen körperlichen und seelischen Begleiterscheinungen: Gereiztheit, langsameres Reaktionsvermögen, ein matschiger Kreislauf und – besonders in den ersten Tagen – Beschwerden wie Kopfschmerzen.

Ich fragte mich: Wie erst muss es den fastenden Muslimen in Massenunterkünften gehen – dort, wo es organisatorisch herausfordernd sein wird, kein Rückzugsort besteht und man nur in der Nacht essen kann? Und wie ergeht es den Nicht-Muslimen, die natürlich nachts lieber schlafen wollen? Mir wurde klar, dass es, um mit der Situation und den Bedürfnissen während des Fastenmonats gut umzugehen, Konzepte braucht: für Versorgung, Gesundheit und ein friedliches Miteinander in den Unterkünften.

Ich habe mich schlau gemacht, muslimische und christliche Flüchtlinge, Ärtze und Heimbetreiber um Anregungen gebeten. Dabei herausgekommen ist folgende Sammlung an Ideen und Anregungen.

Hinweis: Am Ende des Beitrags finden sich Flyer, Poster und das Konzept in mehreren Sprachen zum Download. Sie stammen aus dem Jahr 2016 – man kann das Datum aber abändern oder überkleben.

Berlins friedvoller Ramadan

Maßnahmen für gutes Miteinander in den Flüchtlingsunterkünften

Muslime auf aller Welt begehen den Fastenmonat Ramadan, um sich in dieser Zeit besonders dem Gebet zu widmen, aber auch, um sich mit den Armen zu solidarisieren. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dürfen sie weder essen noch trinken. Der Ramadan verschiebt sich jedes Jahr.  In einigen Jahren fällt der Ramadan auf die längsten Tage des Jahres. Die Zeit ohne Essen und Trinken ist dann circa 19 Stunden lang!

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass diese spezielle Konstellation besondere Herausforderungen mit sich bringt. Gerade in den Flüchtlingsunterkünften, wo strenggläubige Muslime, liberale – den Ramadan nicht praktizierende – Muslime und natürlich auch viele Nicht-Muslime auf engstem Raum zusammenleben.

Daher ist es wichtig, nicht nur Verständnis für die unterschiedlichen Gruppen zu entwickeln, sondern auch geeignete Maßnahmen zu initiieren, die das Konfliktpotenzial minimieren.

Vertreter Berliner Initiativen haben im Gespräch mit muslimischen und nicht-muslimischen Geflüchteten und Vertretern der muslimischen Gemeinde einige Vorschläge für Unterkünfte entwickelt. Sie können auch für andere Regionen hilfreich sein.

Versorgung

Fastende Menschen brauchen Zugang zu gesunder Nahrung zu genau den Zeiten, zu denen sie essen dürfen.  Das erfordert extra Personal, weil um diese Tageszeit nur wenige Ehrenamtliche helfen können/wollen.

Mögliche Maßnahmen

  • rechtzeitig vor dem Ramadan herausfinden, wie viele Bewohner Ramadan halten wollen
  • eine Essensausgabe zum Fastenbrechen einrichten
  • Essen für die Morgenmahlzeit  bereitstellen. Das Fasten beginnt mit dem Morgengebet[1]
  • für ausreichend nicht-koffeinhaltige (Flüssigkeitsentzug) Getränke sorgen
  • die Mengen der zwei Mahlzeiten so bemessen, dass sie den Tages-Energiebedarf decken.

Lebensmittel zum Suhoor (morgens)

  • Langsame Kohlenhydrate für gute Verdauung
  • Reis und Hafer
  • Bohnen und Linsen, Avocados
  • Proteinhaltige Produkte Eier, Joghurt, Fisch, mageres Fleisch
  • Viel Wasser, keine koffeinhaltigen Getränke (entzieht Flüssigkeit)
  • Wasserhaltiges Gemüse (Gurke, Tomate, Salat)
  • Obst (Orangen, Wassermelone)

Geeignete Lebensmittel zum Iftar (nachts)

  • Datteln – Pflicht zum Fastenbrechen
  • Früchte und Fruchtsaft
  • Geflügel und Fisch
  • Schwer verdauliches Fleisch (Lamm, Rind) meiden
  • Nüsse, Hummus und Harira
  • Gemüse (z. B. Bohnen)
  • Frittierte und stark fetthaltige Lebensmittel meiden
  • Lebensmittel mit hohem Zucker- und Salzgehalt meiden

Gesundheit

Gesundheitliche Probleme entspringen dem Flüssigkeitsentzug, aber auch dem Wechsel zwischen nichts essen und nachts (viel) essen. Auch der fehlende Schlaf trägt zur Belastung bei.

Häufige Probleme sind:

  • starke Kopfschmerzen, besonders in den Anfangstagen
  • Schwäche und Kreislaufprobleme
  • Nierenprobleme aufgrund des Wassermangels
  • Magenprobleme durch den Wechsel von Nicht-Essen und (zu viel) Essen.
  • Unterzuckerung bei Diabetikern – kann bis zu Kreislaufstillstand (lebensgefährlich) führen.

Kranke, Alte, Schwangere und Frauen zur Zeit der Periode sind vom Fasten ausgenommen, fasten häufig aber trotzdem. Ein besonderes Augenmerk gilt den Kindern. Eigentlich muss erst ab Pubertätsalter gefastet werden, aber häufig halten Eltern schon jüngere Kinder zum Fasten und nächtlichem Fastenbrechen an. Schulen und Willkommensklassen sollten informiert werden.

Mögliche Maßnahmen

  • Mitarbeiter und Ehrenamtliche auf mögliche Gesundheitsprobleme hinweisen,
  • darauf hinweisen, dass Fasten von Kindern unter 12 Jahren nicht erwünscht ist (Plakate),
  • im Vorfeld mit kranken Bewohnern über sinnvolles Vorgehen sprechen – Einnahme von Medikamenten gilt als Fastenbrechen,
  • für alle Bewohner Mineraltabletten besorgen und verteilen,
  • für Kühlung sorgen, da Schwitzen weitere Mineralien und Flüssigkeit entzieht. Kühlung in den Räumen und direkt am Körper z. B. durch nasse Tücher oder Kühlmanschetten,
  • auf die Notwendigkeit von ausreichend (2-3 Liter) Flüssigkeitszufuhr hinweisen,
  • Elektrolytlösung bereitstellen, mit der man Mineralverlust schnell ausgleichen kann, sowie Traubenzucker für Diabetiker. In Heimen mit medizinischem Personal ggf. auch Infusionen.

Sozialer Frieden

Wenn die einen essen, während die anderen Hunger und Durst haben, und die einen schlafen, während die anderen wach sind, sind soziale Probleme unausweichlich. Besonders in der ersten Woche, bis Körper und Tagesrhythmus sich umgestellt haben, liegen die Nerven blank. Behördentermine und Schultermine in dieser Zeit sind besonders hart.

Erfahrungen und eine Studie bezeugen, dass bereits jetzt viele Nicht-Muslime unter Diskriminierung und religiös motivierter Gewalt leiden. „In Berliner Flüchtlingsunterkünften haben sogar zwei von drei Betroffenen angegeben, dass sie Verfolgung durch das Wachpersonal[i] erleiden (69% / 85 Personen). Dort haben 92% oder 114 von 124 Personen auch Verfolgung durch Mitflüchtlinge erlebt.“ [2],[3]

Mögliche Maßnahmen

  • im Vorfeld des Ramadan mit allen Bewohnern über mögliche Konflikte und Lösungen sprechen,
  • genug Ohrstöpsel und ggf. Schlafbrillen besorgen. Wenn möglich Ruhezonen einrichten.
  • Essensräume optisch und akustisch abtrennen und/oder nach draußen verlegen.[4] Auf Nachbarschaftsschutz achten,
  • mit nahegelegenen Moscheen (sofern sie nicht als radikal bekannt sind) kooperieren und Essen für die fastenden Muslime dorthin liefern lassen,
  • lautes Gebet oder Beschallung mit Koranversen in Schlafräumen untersagen ggf. separaten Gebetsraum oder mehrere Gebetsräume für die verschiedenen Religionen einrichten,
  • auf Plakaten und mündlich zu Respekt, Toleranz und Rücksichtname aufrufen,
  • einen oder mehrere neutrale AnsprechpartnerInnen für Konflikte benennen (nicht Security!),
  • Telefonnummern für Notfälle bekannt geben,
  • bei Behörden wie LaGeSo und großen Unterkünften z. B. Tempelhof, Messe, ICC: nicht-muslimische Polizisten aus den Anti-Konflikt-Teams zur Ergänzung anfordern,
  • ein gemeinsames Fest aller Bewohner zum Fastenende planen. Erfragen, mit welchen speziellen Speisen und Aktivitäten in den jeweiligen Kulturen das Fastenende gefeiert wird.

Stadtweite Maßnahmen

  • Stadtweite Notfallnummer (rund um die Uhr/mehrsprachig) einrichten,
  • ein Plakat mit Hinweisen zum friedlichen Miteinander für alle Unterkünfte entwickeln (Entwurf s. letzte Seite),
  • Ausweichquartiere (rund um die Uhr offen) für von Aggression und Gewalt bedrohte Angehörige von Minderheiten schaffen,
  • Anti-Konflikt-Teams für diese Zeit anfordern/bereitstellen, besonders für die Brennpunktzeiten: die erste Woche, die letzte Woche bzw. die Zeit kurz nach Ramadan-Ende,
  • Security – falls das rechtlich möglich ist: Die Security-Firmen anzuweisen oder ihnen zumindest zu empfehlen, dass ihre Mitarbeiter nicht fasten sollen, wenn sie im Dienst sind, um mentale und körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten,
  • ein Traum: Ein berlinweites gemeinsames Fest des Fastenbrechens (Ramadan-Abschluss) am Tempelhofer Feld von Berlinern, Geflüchteten, Moslems, Nicht-Moslems. Mit Essen, kleinem Feuerwerk …

Text: Kerstin Hack, Nestwerk Berlin, unter Mitwirkung von Ehrenamtlichen aus Initiativen, muslimischen und nicht-muslimischen Flüchtlingen, muslimschen Geistlichen u. a. Für ergänzende oder korrigierende Anmerkungen sowie weitere Tipps und Ideen bin ich dankbar.

Stand: 23.05.2016

Wir unterstützen die Initiative Berlins friedlicher Ramadan:

Friedvoller Ramadan:  Vorschlag für Aushang in den Unterkünften

(Downloads für Aushänge auf Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Farsi, sowie das Konzept auf Deutsch und Englisch finden sich ganz unten.)

Anmerkung:  Ich würde empfehlen, das vorhandene Plakat zu verwenden oder ein eigenes Plakat schön zu gestalten und mit einer kurzen persönlichen Ansprache plus Foto des Bürgermeister oder des Heimleiters einzuleiten. Menschen reagieren besser auf Anregungen, wenn sie persönlich und ästhetisch präsentiert sind, als wenn es „nur“ ein offizieller Aushang auf amtlichen Papier ist.

Und natürlich: Plakate können von nicht allen gelesen werden – von daher ist viel ergänzende mündliche Kommunikation wichtig.

Textentwurf

Einen friedlichen Ramadan Ihnen allen!

Vom 6. Juni bis 4. Juli begehen Muslime den Ramadan. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang essen und trinken sie nichts. Das ist nicht immer einfach, gerade wenn Muslime und Nichtmuslime auf engem Raum zusammenleben.

Wir Berliner wünschen uns, dass Sie alle diesen Monat im Frieden miteinander erleben können.

Bitte beachten Sie die untenstehenden Bitten für diese Zeit, damit es für alle friedvoll und schön ist.

Gez. Verantwortliche Person / Bürgermeister / Heimleitung

Gesundheit

  • Sprechen sie vor dem Fasten mit einem Arzt, wenn sie schwanger sind oder gesundheitliche Probleme haben z. B. Diabetes, Nierenprobleme, Magen- oder Darmerkrankungen, Schlafstörungen, Ängste.
  • Bitte trinken Sie 2 – 3 Liter Wasser pro Tag.

Kinder

Der deutsche Staat ist verantwortlich, die Gesundheit von Kindern zu schützen.

  • Kinder unter 12 sollen nicht zum Fasten angehalten oder gar gezwungen werden.

Rücksichtnahme

Im Ramadan essen die einen, während die anderen sich ausruhen oder schlafen wollen.

  • Bitte essen Sie nicht vor den Augen derer, die fasten.
  • Reden und beten sie nicht laut, wenn andere schlafen.

Respekt

Jeder Mensch darf hier seinen Glauben frei wählen oder auch wechseln. Es ist hier verboten, einen Menschen wegen seiner Religion oder Lebensweise zu beleidigen oder sogar anzugreifen. Unser Grundgesetz und die Erklärung der Menschenrechte sagen

  • Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
  • Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

Deshalb bitten wir

  • Bitte respektieren Sie es, dass Mitbewohner anders glauben und leben.
  • Fangen Sie keinen Streit an, wenn andere den Ramadan halten oder nicht halten.
  • Bei Problemen, können Sie sich an folgende Person/en wenden: _______________
  • Für Notfälle: 110 (Polizei-Notrufnummer) oder 015905235861
  • Email für Notfälle oder bei Androhung oder Erfahrung von Gewalt: help@gfbv.de

Feiern

Genießen Sie die Zeit miteinander und laden Sie auch Angehörige anderer Religionen zum Feiern ein.

Bitte teilen Sie diese Bitten auch Ihren Mitbewohnern mit.

 

Für Hinweise, Ergänzungen, Korrekturen bin ich dankbar.

[1] http://www.gebetszeiten.de/Berlin/Gebetszeiten-Berlin-167943 (Auch für andere Orte erhältlich).

[2] Problematik Security: http://taz.de/Ueber-die-Ausbildung-zum-Wachschuetzer/!5280311/

[3] https://www.opendoors.de/verfolgung/christenverfolgung_heute/christenverfolgung_in_deutschland/

[4] In Berlin würden ggf. auch einige Initiativen bei Konzeption und Bau unterstützen. Kontakt: Nestwerk

Downloads als PDF – gerne verwenden oder ergänzen (PDF in Word kopieren und bearbeiten):

Medientipps …

Q-53_Willkommenskultur_PresseWillkommenskultur. Flüchtlinge kennenlernen und unterstützen. (Hrsg. Kerstin Hack und Gemeinsam für Berlin)
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Website www.willkommenskultur-leben.de
Mit Tipps, Ressourcen, Ideen und Links zu Initiativen zum Thema Willkommenskultur. Themen wir Arbeiten, Kommunizieren, Wohnen, Übrigens: Auf meinem Blogs erzähle ich, wie Geflüchtete mein Leben berichern und welch erstaunliche Geschichten da geschehen:
Deutsch kerstinpur.de
Englisch: heartofberlin.de