Willkommenskultur leben – ganz praktisch

Willkommenskultur leben – ganz praktisch
08 Okt 2015

Mankell, Robinson Crusoe, Freitag und fünf Impulse zur Willkommenskultur

Am 5. Oktober starb Henning Mankell, der berühmte schwedische Autor. Er sagte, sein erstes Werk sei ein einseitiger Aufsatz über Robinson Crusoe gewesen. „Das war der Moment, in dem ich Schriftsteller geworden bin!“

Ich kann das gut nachvollziehen. Am Ende meines Studiums der Englischen Literatur und Völkerkunde habe ich meine Magisterarbeit über „Das Bild der Fremden in Robinson Crusoe“ geschrieben. Robinson Crusoe war ein Jahr lang „der Mann in meinem Leben“. Ich habe mich intensiv mit seiner Geschichte und vor allem mit der Begegnung mit Freitag und den anderen Fremden auseinandergesetzt. Die Lektionen, die ich damals über Begegnung mit Fremden gelernt habe, sind mir bis heute präsent.

 

  1. Meine Angst vor den Fremden ist meine Angst

Daniel Defoe, der Autor von Robinson Crusoe, arbeitete zeitweise als Spion der englischen Krone in Schottland. Er lebte in ständiger Angst, von den Schotten „entdeckt, verspeist und gefressen zu werden“, wie er in sein Tagebuch schrieb. Die Angst vor den Fremden, die auf „seine“ Insel kamen, beschreibt er mit genau den gleichen Worten. Ich fürchtete, von ihnen „entdeckt, verspeist und gefressen zu werden.“

In der Eheberatung sagt man: “Was dich an deinem Partner nervt oder stört, sagt mehr über dich und das, was du brauchst aus, als über ihn/sie.“ Mit Ängsten ist das genauso. Der eine hat Angst vor dem Dunkeln, der andere vor Spinnen. Und wieder andere fürchten das gar nicht. Die Angst hat also mehr mit uns zu tun, als mit einer objektiven Bedrohung.

Bei vielen Menschen löst die Tatsache, dass viele Menschen aus anderen Nationen gerade hier Asyl suchen, Angst aus.

Tipp für dich

Wenn du angesichts der aktuellen Situation Angst oder Unsicherheit spürst, dann realisiere: Das ist meine Angst. Es hat weniger mit der objektiven Situation als vielmehr mit dem zu tun, wer ich bin und was ich brauche. Was genau brauche ich jetzt? Und wie kann ich das finden, was ich brauche?

 

  1. Der einzelne Fremde kann Freund werden

Die Gruppe der Fremden bei Robinson Crusoe bleibt den gesamten Roman hindurch bedrohlich. Es ist einfach so, dass uns große Gruppen von Menschen, die uns fremd sind, verunsichern. Punkt. Aber der Einzelne kann zum Freund werden. 800.000 oder 1,5 Millionen Menschen, die in Deutschland ankommen, sind zu viel für den Einzelnen. Aber einer oder zwei oder vier können zu Freunden werden. Wenn jeder Mensch oder jede Gruppe von Menschen z. B. ein Chor, Segelverein, Hauskreis, sich um einen oder eine Handvoll Menschen kümmert, können viele Menschen Hilfe erfahren. Es werden – besonders für minderjährige Flüchtlinge – Begleiter und Paten gesucht.

Tipp für dich

Brich die große Herausforderung herunter auf das für dich Machbare. Frage dich: Wer könnte für dich dein Nächster sein? Wen könntest du einladen, mit dir Joggen zu gehen, Deutsch zu lernen oder ein Hobby gemeinsam auszuüben? Wem kannst du zum Freund werden? Wer kann dein Freund werden?

 

  1. Kleine Schritte führen auch zueinander

Freitag und Robinson waren nicht von einem Tag auf den anderen beste Freunde. Es war ein längerer Prozess des Kennenlernens, der Anpassung, des Spracherwerbs und des Dialogs, bis sie eng miteinander verbunden waren. Sie wurden ein Team, das Herausforderungen bestand, wie zum Beispiel Freitags Vater und einen Spanier zu retten und ein Schiff zu entern.

Es dauert eine Weile, bis Vertrauen wächst. Dann aber kann man auch Herausforderungen zusammen bestehen. Je nachdem ob man introvertierter oder extrovertierter ist, kann man sich schneller oder langsamer an die direkte Begegnung heranwagen. Etwa zuerst beim Kleidersortieren oder bei der Essensausgabe in einer Unterkunft helfen oder gleich Aktivitäten organisieren und Menschen zu sich nach Hause einladen.

Meine ersten Kontakte zu Flüchtlingen hatte ich übrigens auf dem Schiff, das ich gerade umbaue. Ich hatte über eine Facebook-Seite zum Helfen eingeladen. Es kamen eine Finnin, eine Israelin und ein Franzose und zwei Flüchtlinge, ein Palästinenser und ein Tunesier. Alle wollten mir helfen. Gemeinsam haben wir Lack abgekratzt und das Steuerhaus neu gestrichen.

Ich glaube, dass wir einander viel zu geben haben. „Wurzeldeutsche“ und Migranten können gemeinsam mit Flüchtlingen, die schon seit ein paar Monaten hier sind, Flüchtlingen beim Ankommen helfen. Das geht. Da machen beispielsweise arabische Musiker, die in Berlin leben, mit Deutschen und Flüchtlingen zusammen Musik. Da organisiert eine Türkin in Nordrhein Westfalen über Facebook Übernachtungsquartiere für Flüchtlinge. Da übersetzt ein syrischer Flüchtling, der seit sechs Monaten in Deutschland ist, per WhatsApp zwischen einer neu angekommenen Familie und dem deutschen Rentnerehepaar, das sie betreut. Wenn Angela Merkel sagt „Wir schaffen das!“, dann buchstabiert sich das WIR für mich wie folgt:
W urzeldeutsche (Menschen, die in Deutschland ihre kulturellen Wurzeln haben)

I mmigranten (Menschen, die seit einigen Monaten/Jahrzehnten in Deutschland leben)

R efugees (Menschen, die neu nach Deutschland kommen und sich einbringen möchten)

 

Tipp für dich

Überlege: Mit wem könntest du dich zusammentun, um Flüchtlingen das Ankommen zu erleichtern? Was könnten die ersten kleinen Schritte sein? Das Quadro „Willkommenskultur“ gibt dir viele Impulse und Anregungen. Bei dir vor Ort kannst du ggf. die Ämter oder Diakonie und Caritas fragen, wo Mithilfe möglich ist.

 

  1. Himmlischer Beistand ist hilfreich

Robinson beschreibt immer wieder, wie er in Ausnahmesituationen göttliche Hilfe angefleht hat. Ich bin Christin und ich glaube, dass Gebet nicht alles ist, was wir tun können, aber dass Gebet einiges bewegen kann. Natürlich müssen strukturelle und praktische Lösungen gegen Gewalt und sexuelle Übergriffe in Flüchtlingsheimen gefunden werden. Wege der Integration, Arbeitsmöglichkeiten. Das muss erdacht und erarbeitet werden.

Als Christin glaube ich, dass segnendes Gebet einen Beitrag leisten kann, dass Dinge dennoch gelingen, obwohl menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen. Ich wünsche mir, dass gläubige Menschen sich eine Person, eine Familie oder eine Flüchtlingsunterkunft aufs Herz legen lassen und regelmäßig segnend dafür beten z. B. so

S egen und Schutz

A rbeiter – Menschen, die sich einbringen

L ebensperspektiven

A nnahme, Integration, Ankommen

M* acht Gottes, Zeichen und Wunder

 

*Salam ist arabisch und bedeutet Frieden. Du kannst das Wort als Gedächtnisstütze verwenden, um dich an die einzelnen Aspekte des Gebets zu erinnern.

„Segen“ heißt wörtlich „Gutes sagen“ – das ist auch dann möglich, wenn man nicht im engeren Sinne gläubig ist. Laut oder leise den Menschen, die hier neu ankommen, Gutes zu wünschen – auch das ist Segen.

 

Tipp für dich

Überlege: Für welche/n Flüchtling/e oder welche Unterkunft möchtest du, so oft du daran denkst, Segen aussprechen?

 

  1. Werte sind veränderbar

Freitag ist in einer Kultur groß geworden, die andere Menschen verspeist. Historisch gab es übrigens keine Kannibalen, die ganze Menschen aufaßen, aber zum Zweck von Kraftgewinn wurden von manchen Völkern gelegentlich tatsächlich einzelne Körperteile verspeist. Weiter weg von der englischen, gepflegt Tee trinkenden Gesellschaft konnte eine Lebensweise kaum sein. Natürlich war es bedrohlich für Robinson, Menschen mit solchen Verhaltensmustern und Werten ins eigene Leben zu lassen.

Als ähnlich bedrohlich empfinden viele Deutsche einige vom Islam geprägte Werte und Überzeugungen. Es ist wahr: Werte sind in der Regel sehr stabil. Dennoch sind sie unter bestimmten Voraussetzungen veränderbar. Robinson hat Freitag das Leben gerettet. Dafür war Freitag dankbar. Er war offen, sich mit Robinson intensiv über Glauben und Werte auszutauschen und nahm viele von Robinsons Werten an. Und Robinson durchdachte manches selbst neu und lernte manches von Freitag – der Austausch hat beide verändert.

Werte sind veränderbar. Doch sie ändern sich nicht dadurch, dass man in ein anderes Land kommt oder dadurch, dass er das Grundgesetz in die Hand gedrückt bekommt. Ich halte es natürlich für sinnvoll, dass Menschen, die neu hier leben möchten, mit den Werten und Regeln, die wir für unser Zusammenleben als verbindlich definiert haben, vertraut gemacht werden. Hilfreich ist auch der Refugee Guide, ein Leitfaden, der Flüchtlingen das Verhalten und die Normen hierzulande erklärt. Das hilft, Verständnis zu wecken und Missverständnisse zu verringern.

Seine Werte ändert ein Mensch jedoch nicht allein durch Diskussion oder Information. Werte ändern sich nur, wenn ein Mensch emotional bewegt ist und dann jemand da ist, der ihm neue Werte und Gedankenansätze anbietet. Sind die angebotenen Werte attraktiver als die bisherigen, kann der Mensch die neuen Werte umarmen und integrieren. Dazu ist es wichtig, dass jemand im entscheidenden Moment, wenn ein anderer Mensch innerlich bewegt ist, da ist und die Bereitschaft und den Mut hat, Impulse zu geben.

 

Tipp für dich

Denk mal darüber nach, welche Überzeugungen und Werte du Menschen, die neu hier ankommen, gern anbieten würdest. Schaffe Gelegenheiten zur Begegnung und zum Austausch.

 

Die Herausforderungen sind groß. Und WIR können sie bewältigen. Es wäre wunderschön, wenn du ein Teil der Antwort auf die Herausforderungen bist, die wir gemeinsam meistern können.

 

Postkarte_Willkommenskultur_WIRDie Karte „Wir schaffen das!“ und „SALAM“, die dich erinnern und ermutigen, gibt es zum Download. Du kannst sie auf Facebook teilen, dir ausdrucken oder verschicken.

 

 

 

Hier kannst du dir die Postkarte zum Gebet für Flüchtlinge, die Postkarte WIR und das Poster mit beiden downloaden.

Postkarte_Willkommenskultur_Gebet

 

 

 

 

 

 

Foto: Maria Shanti Photography – mariashanti.com