Kerstin Hack: Robinson Crusoe und Freitag – wie werden Fremde zu Freunden?

Kerstin Hack: Robinson Crusoe und Freitag – wie werden Fremde zu Freunden?
25 Mai 2016

Fünf Impulse zu gelebter Willkommenskultur

Es ist schon eine Weile her, dass ich meine Magisterarbeit über „Das Bild der   Fremden in Robinson Crusoe“ geschrieben habe. Ich habe mich intensiv mit der Geschichte und vor allem mit der Begegnung mit Freitag und den anderen Fremden auseinandergesetzt. Die Lektionen, die ich damals über Begegnung mit Fremden gelernt habe, sind mir bis heute präsent.

1. Meine Angst vor den Fremden ist meine Angst

Daniel Defoe, der Autor von Robinson Crusoe, arbeitete zeitweise als Spion der englischen Krone in Schottland. Er lebte in ständiger Angst, von den Schotten „entdeckt, verspeist und gefressen zu werden“ – die gleiche Angst projizierte er auf die Fremden, die auf „seine“ Insel kamen. Die Angst vor dem Fremden ist oft in der eigenen Biografie verwurzelt – es lohnt sich, ihr auf die Spur zu kommen.

Tipp für dich

Wenn du Angst oder Unsicherheit spürst, dann realisiere: Das ist meine Angst. Was verunsichert mich? Was brauche ich und wie kann ich es finden?

2. Der einzelne Fremde kann Freund werden

„Die Fremden“ bleiben für Robinson Crusoe bedrohlich. Es ist typisch menschlich, dass uns große Gruppen von Fremden verunsichern. Aber der Einzelne kann zum Freund werden. Millionen fremder Menschen sind zu viel für den Einzelnen. Aber einer oder zwei oder mehr können zu Bekannten und Freunden werden. Wenn jeder einzelne Christ oder jede Gruppe von Menschen, z. B. ein Chor, Verein, oder Hauskreis, sich um einen oder eine Handvoll Menschen kümmert, können viele Neuankömmlinge Hilfe erfahren.

Tipp für dich

Frage dich: Wer könnte für dich dein Nächster sein? Wen könntest du einladen, mit dir Joggen zu gehen, Deutsch zu lernen oder ein Hobby gemeinsam auszuüben? Wem kannst du zum Freund werden? Wenn du niemanden kennst, frage bei Diakonie, Flüchtlingshilfe oder www.start-with-a-friend.de.

3. Kleine Schritte führen auch zueinander

Freitag und Robinson waren nicht vom ersten Tag an beste Freunde. Es war ein Prozess des Kennenlernens, der Anpassung, des Spracherwerbs und des Dialogs, bis sie eng verbunden waren. Sie wurden ein Team, das Herausforderungen bestand.

Je nachdem ob man introvertierter oder extrovertierter ist, kann man sich schneller oder langsamer an die direkte Begegnung heranwagen. Etwa zuerst beim Kleidersortieren oder bei der Essensausgabe in einer Unterkunft helfen oder gleich Aktivitäten organisieren und Menschen zu sich nach Hause einladen.

Tipp für dich

Überlege: Was könnten die ersten kleinen Schritte sein? Mit wem zusammen könntest du Flüchtlingen das Ankommen zu erleichtern? Anregungen findest du in Willkommenskultur und bei Diakonie und Caritas.

4. Himmlischer Beistand ist hilfreich

Robinson beschreibt, wie er in Ausnahmesituationen göttliche Hilfe angefleht hat. Ich glaube, dass segnendes Gebet einen Beitrag leisten kann, dass Dinge besser oder sogar dann gelingen können, wo menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen. Ich wünsche mir, dass gläubige Menschen sich eine Person, eine Familie oder eine Flüchtlingsunterkunft aufs Herz legen lassen und regelmäßig segnend dafür beten. Segnen heißt „Gutes aussprechen“. Das könnte z. B. so aussehen:

S egen und Schutz (auch vor rechtsextremen Anschlägen)

A rbeiter – Menschen, die sich einbringen

L ebensperspektiven

A nnahme, Integration, Ankommen

M acht Gottes, Zeichen und Wunder

*Salam ist arabisch und bedeutet Frieden. Du kannst das Wort als Gedächtnisstütze verwenden, um dich an die einzelnen Aspekte des Gebets zu erinnern.

Tipp für dich

Überlege: Für welche/n Flüchtling/e oder welche Unterkunft möchtest du täglich oder so oft du daran denkst, Segen aussprechen?

5. Werte sind veränderbar

Freitag kam aus einer Kannibalen-Kultur. Weiter weg von der englischen Tee trinkenden Kultur Robinsons, konnte eine Lebensweise kaum sein. Ja, es war bedrohlich für Robinson, einen Menschen mit solch einem Hintergrund ins eigene Leben zu lassen.

Ähnlich bedrohlich empfinden manche Menschen die Kultur und Werte der Neuankömmlinge. Werte sind sehr stabil, jedoch bei emotionaler Bewegung veränderbar. Robinson hat Freitag das Leben gerettet. Dafür war Freitag dankbar. So war er offen, sich mit Robinson intensiv über Glauben und Werte auszutauschen und viele seiner Werte anzunehmen. Robinson lernte manches von Freitag – der Austausch hat beide verändert.

Tipp für dich

Denk mal darüber nach, welche Überzeugungen und Werte du Menschen, die neu hier ankommen, gern anbieten würdest. Schaffe Gelegenheiten zur Begegnung und zum Austausch.

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Zeitschrift GEISTESGEGENWÄRTIG 3/2016. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Titel zum Thema:

Q-53_Willkommenskultur_PresseKerstin Hack/Gemeinsam für Berlin (Hg.): Willkommenskultur. Flüchtlinge kennenlernen und unterstützen

Quadro, Down to Earth, 5 Euro. Direkt erhältlich im Down to Earth-Shop.