Kerstin Hack: Gläubig, ungläubig, anders gläubig?!

Kerstin Hack: Gläubig, ungläubig, anders gläubig?!
23 Mrz 2016

Der folgende Artikel von Kerstin Hack erschien auf Arabisch in der Zeitschrift Abwab. Abwab ist die erste arabische Zeitschrift für Flüchtlinge in Deutschland. Die Autorin beschreibt hier, was Glaube für sie bedeutet.

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, als kleines Mädchen mit meiner Oma ein Gute-Nacht-Gebet zu sprechen. Meine Großmutter war eine arme, hart arbeitende Bauersfrau. Ihre Hände waren rau und rissig. Sie als Mensch war warm, weich und gütig. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, schlief ich unter einer Decke, die sie selbst mit Daunenfedern befüllt hatte, und die so schwer war, dass ich mich darunter kaum bewegen konnte. Über dem Bett hing ein altes Bild, das Jesus zeigte, der ebenfalls betete.

Wenn sie betete, nahm sie meine kleinen Kinderhände in ihre vom Leben rau gegerbten Hände und bat Gott, mich in dieser Nacht zu beschützen. Ich spürte tiefe Sicherheit, Annahme und Geborgenheit. Das hat mein Leben und meinen Glauben geprägt.

Meine Großmutter hat Gott geehrt. Und sie hat ihm vertraut. Wie ein Kind einem Vater vertraut. Ihre Familie war arm. Im zweiten Weltkrieg hat eine Granate den Arm meines Großvaters zerfetzt. Er konnte nicht mehr als Schreiner arbeiten. Meine Großmutter half auf den Äckern anderer Bauern, um die Familie mit vier Kindern durchzubringen. Ich habe sie nie klagen hören. „Gott wird es gut machen.“ Das war ihr Glaube.

Sie hat mein Leben von Kindheit an geprägt. Als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass in dieser Welt nicht alles perfekt ist – und ich selbst auch nicht. In einer Situation habe ich etwas falsch gemacht. Nichts Schlimmes. Dennoch wusste ich: Was ich getan habe, war nicht richtig, Als mir dann ein gläubiger Christ erklärte, dass Gott nicht nur groß und mächtig ist, sondern auch gnädig und barmherzig und gern vergibt, war das der glücklichste Tag meines Lebens.

Glaube prägt mein Leben. Ich beginne jeden Tag mit Gebet. Ich bete meist morgens und abends ausführlich und zwischendrin gehen meine Gedanken und Gebete oft zu Gott. Wann immer ich spazieren gehe, denke ich an Gott, danke ihm für das Gute. Und bitte ihn.

Mehrmals im Jahr faste ich. Wir haben im christlichen Glauben unterschiedliche Fastentraditionen: Verzicht auf leckere Speisen für eine längere Zeit, etwa Süßigkeiten, Fleisch oder bestimmte Getränke. Viele Christen manchen das zum Beispiel in der traditionellen christlichen Fastenzeit in den Wochen vor Ostern. Oder auch der Verzicht auf feste Nahrung über einen längeren Zeitraum oder kompletter Verzicht auf Essen und Trinken – Tag und Nacht. Meine längste Zeit des Fastens war drei Wochen völlig ohne Essen – auch nicht abends – als ich Gottes Weg für mein Leben gesucht habe. Ich sage das nicht, um mich herauszustellen, sondern nur, um zum Ausdruck zu bringen, wie wichtig mir der Glaube ist.

Nicht jeder in unserem Land ist in der Art und Weise gläubig, wie ich und andere es sind. Manche Menschen leben so, wie viele gläubige Christen es nicht gut finden. Nicht alles, was Menschen in diesem Land tun, ist im echten Sinne des Wortes christlich. Manches ist einfach nur unmoralisch und schlecht. Und weit entfernt von dem, was Jesus uns als Lebensweise vorgelebt und gelehrt hat.

Doch fast alle Menschen in Deutschland sind dennoch von den Worten und Werten geprägt, die Jesus uns vermittelt hat. Am allermeisten vielleicht: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Das klingt zuerst ganz einfach – wenn man unter dem Nächsten denjenigen versteht, der einem nahe ist: Die Familie, Nachbarn und Freude.

Als Jesus gefragt wurde, wer denn der Nächste sei, hat er die Geschichte von einem Mann erzählt, der von Räubern ausgeraubt und halbtot liegengelassen worden war. Mehrere Menschen gingen vorbei. Einer half ihm. Jesus fordert im Neuen Testament auf, es genauso zu handeln, wie dieser barmherzige Mann den Menschen zu helfen, die „unter die Räuber gefallen sind“, und Leid und Zerstörung erfahren haben. Deshalb helfen wir.

Wenn ich dann höre, dass jemand mich, Menschen wie meine Großmutter oder andere Deutsche als „Kafir“, als „Ungläubige“ bezeichnet, tut es mir einfach nur weh. Ich bin ein gläubiger Mensch. Gott ist in meinem Leben sehr wichtig. Deshalb trifft es mich tief, wenn ich von anderen so genannt werde. Es stimmt – ich glaube nicht genau das Gleiche wie die Menschen, die mich und meine Großmutter als „Kafir“ bezeichnen. Aber ungläubig bin ich nicht. Ich ehre und vertraue Gott. Das arabische Wort wird im Westen meist mit „Ungläubig“ übersetzt. Jemand hat mir erklärt, dass es ursprünglich „undankbar“ bedeutet. Wer das sagt, sieht nicht, wer wir tatsächlich sind und wie wir sind. Wir sind dankbar für die Sicherheit und die materiellen und kulturellen Schätze in unserem Land. Und teilen sie gern mit euch. Für mich wirkt es herablassend und beleidigend. Es tut weh, so genannt zu werden.

Was ich mir wünschen würde?

Ein neues Wort

Was kann man dann für ein Wort finden, dafür, dass wir anders glauben als viele von euch? Ich möchte euch bitten, gemeinsam nach einem Wort zu suchen, das uns und den Glauben und die Werte, die wir leben, ehrt.  Diskutiert miteinander, überlegt, sucht nach einem Begriff, der zu dem passt, was ihr an guten Erfahrungen mit vielen Deutschen macht.

Wenn ich selbst mir einen Namen aussuchen könnte, dann würde ich einen Begriff wählen, den Koran und Thora verwenden, und den auch Jesus verwendet hat, um die Menschen zu beschreiben, die seinen Worten folgen. Er sagte, dass Freunde in das eingeweiht werden, was der Herr und Meister tut. Er nannte seine Nachfolger deshalb Freunde Gottes. „Freund Gottes“ – so würde ich gern bezeichnet werden.

 

Die Wahrheit über Christen suchen

Manche Menschen glauben falsche Dinge über Christen. Manche denken zum Beispiel, Christen würden glauben, Gott hätte Sex gehabt und einen Sohn gezeugt. Das ist schrecklich und stimmt nicht. In unseren Schriften wird Maria, die Mutter Jesu, als Jungfrau bezeichnet. Und wenn wir jemanden als „Sohn“ bezeichnen, dann heißt das vor allem, dass er dem Wesen nach dem Vater ähnlich ist. So wie der „Sohn der Wüste“ jemand ist, der die Wüste zutiefst kennt.

Soweit ich das weiß, sagt auch der Koran, dass man die Menschen des Buches über das befragen soll, was sie glauben. Ich fände es schön, wenn Muslime praktizierende Christen fragen, was sie tatsächlich glauben, und euch eine eigene Meinung bildet.

 

Frieden stiften

In unserer Welt gibt es mehr als genug Hass und Gewalt. Wir brauchen nicht noch mehr davon. Es tut uns allen nicht gut, wenn Menschen andere verurteilen, auf sie heruntersehen, Hass und Zwietracht stiften. Es ist leider in einigen Unterkünften passiert, dass Menschen beleidigt und verprügelt wurden, einfach nur weil sie Christen sind. Das zu hören finde ich schrecklich.

Meine Bitte: Wenn du in deinem Umfeld erlebst, wie Menschen herablassend über den Glauben anderer herziehen oder sie womöglich tätlich angreifen, dann tue bitte alles, was du kannst, um Frieden zu stiften. Nutze alle Argumente, die du findest, um sie zu schützen. Argumente aus der Menschlichkeit und dem Koran, die zum Respekt für die Menschen des Buches auffordern.

Sei jemand, der Frieden stiftet. Frieden stiften ist wunderbar. Es sichert eine Zukunft für uns alle. Und es hat den Segen Gottes. Jesus hat in den Evangelien einmal gesagt: „Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

 

Kerstin Hack ist Herausgeberin des Quadros Willkommenskultur. Flüchtlinge kennenlernen und unterstützen. Down to Earth, 5,00€

Q-53_Willkommenskultur_Presse