Wasser Marsch – mit soulbottles

Wasser Marsch – mit soulbottles
25 Mrz 2015

Die Wiederentdeckung der ökologisch-sinnvollen Glasflasche. So spröde das klingt, so stylish kann Umweltschutz sein: soulbottles sind nicht nur ethisch-korrekter als Plastikflaschen, sondern auch cooler, günstiger und gesünder. Damit erspart Firmengründer Paul Kupfer seinen Kunden die Nachhaltigkeitskeule. Denn ökologisch nachhaltig zu handeln kann auch anders: Spaß machen und cool sein.

Das „Ende aller Wegwerfbeziehungen“ beginnt im dritten Hinterhof eines Backsteinfabrik-Geländes irgendwo in Berlin-Kreuzberg. In der Luft liegt eine zarte Marihuana-Note, die zahllosen kreativen, diskutierfreudigen und ökologischen Start-ups versprühen Weltveränderer-Atmosphäre. Ich frage mich durch die vollgestellten Flure und Großraumbüros, Sitzecken und kleinen Bürofeiern, bis ich ihn gefunden habe: Paul Kupfer, 25, super gelaunt, ehrlich erfreut. Vor gut drei Jahren hat er mit seinem Freund Georg Tarne das vielbeachtete Start-up Unternehmen soulbottles gegründet.

Paul trägt die Wollmütze lässig in die Stirn gezogen, ihm macht sichtlich Spaß, was er tut. Auch wenn es unterm Strich nicht viel mehr ist als „nur Flaschen verkaufen“, wie er belustigt sagt. Überhaupt lacht er viel und nimmt sich selbst erfrischend wenig ernst, als er mir die Erfolgsgeschichte von soulbottles erzählt. Von der ersten Produktion mit 10.000 Flaschen sind in knapp drei Monaten schon die Hälfte verkauft worden. Das Produkt hat einen Nerv getroffen – und verändert ganz nebenbei die Welt.

Bitte kein Plastik!

Alles begann mit einer einfachen Idee und der Energie, etwas auszuprobieren, 2011 in Wien, wo die beiden Freunde studierten. Georg Tarne war auf der Suche nach einer Wasserflasche, die er wiederverwenden konnte. Aus Plastik sollte sie wegen der Weichmacher nicht sein. Er fand nichts Passendes – entweder stimmte der Style oder die Funktionalität, aber nie beides. Nachdem er eine Weile Wodka- und Whiskey-Flaschen in die Uni schleppte, fragte er sich: Warum nicht einen eigenen Style entwerfen und coole Glasflaschen produzieren?

Er haute seinen Freund Paul an, der gleich Feuer und Flamme war. Die ersten fünfzig Exemplare der „saubersten Trinkflasche der Welt“ brannten die beiden noch in Handarbeit, mit Designs von Freunden oder am PC selbst zusammengestellt. Für das Glasveredelungsverfahren erkundigten sich die beiden an der Wiener Kunstuniversität. Per Siebdruck kann man spezielle Folien bedrucken. Legt man diese ins Wasser, dann löst sich die obere Schicht ab, die man auf Glas kleben kann. Anschließend kommen die Flaschen in den Hochofen, um sie dort bei exakt 620° C zu brennen. „Und zwar genau bei diesem Schwellenwert!“ Paul lacht. „Sonst schmilzt dir die Flasche, aber wenn es nicht heiß genug ist, brennt die Farbe nicht ein. Das haben wir alles ausprobiert, hat ewig gedauert.“ Mit strahlenden Augen erinnert er sich: „Als ich damals die erste soulbottle aus dem Ofen rausgenommen habe, mit so Spezialhandschuhen, das war schon aufregend!“ Die erste Charge war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft. Die Idee hatte eingeschlagen – toller Style, praktisches Design und nachhaltiges Handeln, das nicht nur ein gutes Gewissen schenkt, sondern Spaß macht.

Von Crowdfunding bis Crowddesign

So begannePB_Reading_Kanagawa.leadn Paul und Georg die Idee durchzurechnen, ob sie sich als Business tragen würde. Georg, Coach und Trainer für Gewaltfreie Kommunikation und Paul, Kommunikationswissenschaftler, waren eher unbedarft in Sachen BWL oder Fragen der Unternehmensführung. Also haben sie sich eingearbeitet. Unterstützung erhielten sie von ihrem Investor, Bernardo Saorin – dem dritten Gründer im Bunde – und starteten eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne, die die erste Produktion möglich machte.

Neben Crowdfunding setzten die drei auch auf Crowddesign: Von vornherein wollten die Initiatoren keine Corporate-Identity-Schiene vorgeben, sondern viele Kreative beteiligen. Design-Wettbewerbe generierten Ideen, die Masse wählte ihre Favoriten. So wurde im September 2013 die erste große Produktion fertiggestellt: 10.000 Flaschen, mit zwanzig verschiedenen Designs, von denen die beliebtesten bereits ausverkauft sind: „Lei(s)tungswasser“ und „Fill your life with soul“. Die Designvielfalt reicht von Schriftzügen und Wortspielen über Ornamente, Karikaturen, Tierzeichnungen, bis Bruce Lee oder einem Rundumdesign der großen Welle von Kanagawa. Garantiert für jeden Geschmack etwas.

Glas als Statement

Soulbottles sind natürlich weit mehr als eine stylische Alternative zur leeren Whiskeyflasche. Sie sind ein Statement: Kostbares Leitungswasser ist keine Selbstverständlichkeit! Nach dem Motto „Celebrate your water“ geht es auch darum, unser hochqualitatives Leitungswasser zu feiern – das am meisten kontrollierte Lebensmittel überhaupt! Auf ihrer Website betreiben Paul und Georg eine Imagekampagne für Wasser aus dem Hahn und räumen mit den Mythen auf, die dem so genannten „Mineralwasser“ zu unverdientem Ansehen verhalf.

Auf den Namen „soulbottles“, so erzählt Paul, kamen die Wasserpioniere über den Dokumentarfilm Plastic Planet. Der Film zeigt riesige Inseln von „seelenlosem Plastik“ auf den Weltmeeren der Erde, die der weltweite Plastikkonsum hinterlassen hast. Was lebendig ist, hält sich unten im Ozean auf. Nur was tot und seelenlos ist, schwimmt oben. Soulbottles dagegen werden nicht produziert, um weggeworfen zu werden, als Teil einer toten Masse. Sie bleiben in Gebrauch und transportieren ein Lebensgefühl von Tiefe und Soul. Und bewegen Menschen zum Nachdenken.

Wenn Paul über die bisherige Bilanz nachdenkt, gerät er ins Schwärmen: „Wir haben eine coole Alternative geschaffen, die Spaß macht; 5000 Menschen trinken jetzt statt aus Plastikflaschen aus soulbottles – keine Ahnung, wie viele Tonnen CO2 wir damit gespart haben.“ Das Unternehmen kauft und produziert ausschließlich in Europa, um die Transportwege kurz zu halten. Konsequenterweise trägt sie auch den Carbon Offset, also die CO2-Kosten, die dabei entstehen. Zuletzt geht von jeder verkauften Flasche ein Euro an die deutsche NGO Viva con Agua, die sich weltweit für Trinkwasserprojekte einsetzt. Die Wertschöpfungskette ist lang.

Energie für zwei

Wir gehen zusammen in den kleinen Kellerlagerraum, in dem Unmengen an Flaschen in Regale sortiert sind. Dort werden die Bestellungen bearbeitet – das gewünschte Design wird mit individueller Verschlussfarbe und dem farblich passenden Gummiring von einer Mitarbeiterin bestückt und ab damit in den Versand. Ich erwische ihn mitten im Weihnachtsgeschäft, es ist viel los, Trubel und Chaos. Paul ist völlig übermüdet von den langen Abenden. Später wird er sich noch an einen Nachtflohmarktstand im „Kater Holzig“ in Berlin stellen – der bis um 4 Uhr morgens gehen soll. Eine Wahnsinnsenergie.

Die wird er auch noch brauchen. Paul träumt davon, dass man über das, was sie mit soulbottles gestartet haben, in fünfzig Jahren etwa Folgendes in die Geschichtsbücher schreibt: „Ohne diese ganzen Soul-Businesses hätte das nicht so richtig geklappt mit dem ökologischen Wandel in dieser Welt.“ Er meint das so, keineswegs abgehoben, mit einem verschmitzten Lächeln um die Mundwinkel. Nachhaltigkeit soll sexy werden. Und er hat ein Unternehmen vor Augen, das sich mit vielen verschiedenen Bereichen beschäftigt, um Nachhaltigkeit zu „produzieren“ und mehr Menschen zu ökologischen Alternativen zu bewegen. Alternativen, die besser und attraktiver sind als hergebrachte Lösungen und Produkte.

Konkret würde das als nächsten Schritt bedeuten, Verpackung zu vermeiden. Zum Beispiel mit der Idee, Biosaft-Konzentrat in Supermärkte zu bringen, so dass man sich dort seine soulbottle in der Mittagspause an einem Automaten auffüllen kann. So hätte man hat eine günstige Alternative zu Softdrinks, bekommt sogar Bio, spart die Plastikflasche, vermeidet Müll und Transportkosten durch das Konzentrat, das erst vor Ort mit Wasser angereichert wird.

Vielleicht war die Flasche am Ende nur der Anfang.

www.soulbottles.de

Dieser Artikel von Andrea Specht ist zuerst erschienen in der Zeitschrift DRAN NEXT 3/2014. Mit freundlicher Genehmigung.