Kerstin Hack: 200 km Neid auf mich selbst

Kerstin Hack: 200 km Neid auf mich selbst
22 Feb 2017

Was war das gewesen? Verschlafen rieb ich mir die Augen und versuchte mich zu orientieren. Der Traum, den ich gehabt hatte, war wirklich merkwürdig. Ich hatte geträumt, ich wäre auf mich selbst neidisch. Auf sich selbst neidisch sein? So etwas Schizophrenes. Neidisch auf sich selbst zu sein … das ist doch völlig verrückt. Wie Neid überhaupt.

Neid ist für mich kein großes Thema. Ich werde nicht grün vor Neid, wenn andere ein schönes Auto fahren, das ich mir nicht leisten kann und will – obwohl ich nichts gegen ein Smart Cabriolet, einen Beetle oder einen alten Saab einzuwenden hätte. Ich kriege auch keine Krise, wenn Heidi Klum & Co langbeinig und leicht bekleidet über den Laufsteg schreiten.
Es gibt mir höchstens dann und wann einen Stich, wenn Freunde die Bilder meiner fotogenen Schwester sehen und spontan ausrufen: „Wow, ist die hübsch!“ Das passiert mit Bildern von mir eher selten, was auch – aber nicht nur – an den Fotografen liegt. Da werde ich schon manchmal ein bisschen neidisch …
Neid erwischt mich auch dann, wenn andere mit schlechterer Leistung mehr erreichen als ich trotz aller Anstrengung. In jedem Buch, das ich publiziere, steckt viel Arbeit und eine Menge Herzblut. Ich verwende alle Energie und eine Menge Geld darauf, Bücher zu machen, bei denen vom Inhalt, der Sprache und vom Design her alles stimmt. Manchmal sehe ich dann Bücher anderer Verlage und empfinde sie als lieblos gemacht, sprachlich verstaubt und vom Design her als ästhetische Körperverletzung. Wenn diese Bücher sich Dank besserer Kontakte oder geschmierter Werbemaschinerie besser verkaufen als Bücher, die ich mit so viel Leidenschaft produziere, dann spüre ich schon den einen oder anderen Stich im Herzen.
Das macht mich manchmal auch mutlos. Wenn ich derartigen Gedanken zu lange nachhänge, werde ich mutlos, frustriert und deprimiert. Ich frage mich, ob sich mein Einsatz überhaupt lohnt, wenn anderen mit weniger Aufwand mehr Erfolg (zumindest finanziell) gelingt.
In so einer Phase befand ich mich, als ich den Traum über Neid hatte. Ein paar Projekte hatten nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte monatelang Zeit und Geld in eine Sache investiert, die zumindest finanziell keinen Ertrag brachte – und große Puffer, um so etwas abzufangen habe ich nicht. Solche Krisen bedrohen dann schnell die Existenz. Und dann frisst sich der Neid auf andere, denen es scheinbar mühelos gelingt, tiefer in die Seele hinein als in guten Zeiten.
Und mitten in diesen Frust hinein träume ich, dass ich neidisch bin – auf mich selbst. „Was für ein verrückter Gedanke!“, dachte ich zuerst. Aber nach einer Weile überlegte ich weiter: „Hmm. Vielleicht ist das nur eine andere Art, die Frage zu stellen, wofür ich dankbar bin!“ Ja, ich weiß, ein guter Christ soll allezeit dankbar sein. Ich denke abends regelmäßig darüber nach, wofür ich dankbar bin. Aber häufig fallen mir nur die Standarddinge ein: Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, Arbeit (bei aller Mühe!), gute Verkaufszahlen (wenn sie denn da sind), meine vielen guten Freunde, Gottes Liebe. So richtig kreativ bin ich beim Danken selten, habe Gott noch nie für die Pfefferminze gedankt, die auf meinem Balkon wächst und mir bei Magenverstimmungen hilft. Oder dafür, dass die Wände meiner Wohnung nicht langweilig weiß oder grau sind, weil man hierzulande auch bunte Wandfarbe bekommt … oder, oder … Möglicherweise war ja der verrückte Gedanke mit dem Neid auf mich selbst ein Impuls Gottes, die Sache mal anders anzupacken …
Weil ich ohnehin eine lange Autobahnstrecke vor mir hatte, beschloss ich, es auszuprobieren. Um nicht abzuschweifen, formulierte ich meinen Neid auf mich selbst in Gebeten: „Vater, wenn ich nicht ich selbst wäre, dann wäre ich ziemlich neidisch auf den tollen Vater, den ich hatte. Und auf die Kindheit im Dorf mit Garten und Gartenhäuschen, das wahlweise Rückzugsort, Piratenhöhle, Prinzessinenschloss oder Indianerzelt war.
Ich wäre auch ziemlich neidisch darauf, dass ich mich selten über Dinge aufregen muss und im großen und ganzen zufrieden bin, ohne mich darum groß zu bemühen. Und darauf, dass ich eigentlich nie krank bin – meine letzte Grippe hatte ich vor sieben Jahren und da mussten ein massiver Klimaumschwung, ein Kind mit Lungenentzündung, ein Mann, der vor meinen Augen einen Herzinfarkt erlitt und noch ein paar andere Faktoren zusammenwirken, um mich in die Knie zu zwingen.
Wenn ich nicht ich selbst wäre, dann wäre ich glaube ich neidisch auf die Freiheit, die ich habe. Ich kann meinen Tag selbst gestalten, auch wenn ich in den meisten Fällen trotzdem ganz normal von 8.30 – 17.00 arbeite.
Wäre ich nicht ich, wäre ich wohl neidisch auf die vielen guten Freunde, die ich habe, und auch darauf, dass mir Ideen spontan kommen, ohne dass ich groß nachdenken muss. Und dass ich so gut Englisch kann. Und Schreiben und Reden. Und… und… und …
Während des Aufzählens kamen mir natürlich auch Dinge in den Kopf, die mich unglücklich gemacht hatten und die ich mir in meinem Leben anders gewünscht hätte und wünsche. Manche Erlebnisse und Konflikte, die ich meiner offenen und offenherzigen Persönlichkeit zu „verdanken“ habe, hätte ich lieber nicht gehabt. Auf erlebtes Mobbing, manchen Druck und einige leidvolle Erfahrungen und schmerzhafte, die Seele zerreißende Verluste, hätte ich auch gerne verzichtet.
Und Single und beruflich selbständig zu sein ist auch nicht immer ein Honiglecken (ebensowenig wie Hausfrau und Mutter von vier kleinen Kindern zu sein …ja, ich weiß!). Mehr als einmal dachte ich, meine Schultern sind zu schmal für den Job und habe mir einen oder mehrere Menschen zum Anlehnen und als Ratgeber gewünscht und manchmal, aber nicht immer, gehabt. Mehr als einmal habe ich gedacht, die anderen haätten es leichter als ich. Und wohl tausend Mal habe ich gedacht: „Was wäre gewesen, wenn …“, wenn ich diesen oder jenen Fehler nicht gemacht, eine bestimmte Situation nicht vermasselt, einen Menschen nicht enttäuscht oder verletzt hätte. Ich habe mir selbst einiges eingebrockt. Und Gott hat die Suppe nicht für mich ausgelöffelt. Und manchmal mutet er mir eine ganze Portion zu. Einfach so. Und er entschuldigt sich bei mir nicht einmal dafür.
Aber so wenig Gott mich vor allen Problemen bewahrt, so sehr beschenkt er mich auch unverdient. Ohne Grund, einfach so. Je länger ich an diesem Sonnenmorgen durch die Gegend fuhr und mir und Gott sagte, auf welche Dinge ich in meinem Leben neidisch wäre, wenn ich nicht ich selbst wäre, merkte ich, wie die negativen, frustrierten Gedanken abnahmen und ich mich von Kilometer zu Kilometer mehr über das freuen konnte, was in meinem Leben keineswegs selbstverständlich war.
Nach etwa 150 Kilometern voller Neid auf mich selbst fuhr ich zum Tanken auf einen Rastplatz. Ich blubberte vor Glück, tanzte fast. Ein offensichtlich glücklicher Mensch fällt hierzulande auf und erregt Verdacht. Ich wurde von der Polizei angehalten. Sie haben mein Auto nach Drogen untersucht. Dass ich gerade von einem Seminar zurückkam und 1000 Euro Bargeld in kleinen Scheinen dabei hatte, machte mich nicht unbedingt unverdächtiger. Die Polizisten krempelten mein halbes Auto um, wühlten sich durch Unterwäsche, eine Kasse voller Wechselgeld und eine Kiste voller Bücher und erklärten mir, dass ich ihnen durch mein Verhalten aufgefallen wäre. Aber ich konnte ihnen ja unmöglich erklären, dass ich gerade 150 km lang neidisch auf mich selbst gewesen und deshalb so glücklich bin, dass ich glaube, zu platzen – das hätte wohl die Einweisung in psychiatrische Behandlung zur Folge gehabt. Ich fuhr – vor mich hinkichernd und grinsend – noch etwa 50 Kilometer weiter. Dann ging mir langsam aber sicher der Stoff für den Neid auf mich selbst aus.
Es wäre schön, wenn ich jetzt sagen könnte, dass ich seitdem keinen Neid mehr auf andere verspüre, vor allem nicht auf Menschen, die es anscheinend leichter haben als ich und ich nun bis an mein Lebensende glücklich und neidfrei lebe. Es passiert mir immer noch. Aber ich denke immer wieder an diese Autofahrt zurück. Sie hat meine Perspektive verschoben. Es fällt mir immer noch auf (und tut manchmal weh), wenn ich sehe, dass andere es „leichter“ oder „besser“ haben. Aber ich sehe deutlicher als vor dieser „Neid-auf-mich-selbst Tour“, was ich vom Leben geschenkt bekommen habe. Ich sehe, dass mein Leben auch mit sehr viel Gutem gefüllt ist. Ich bin mir sicher: Wenn ich nicht ich selbst wäre, wäre ich ganz schön neidisch auf mich – mehr als 200 Kilometer lang.
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift LYDIA.

Headerfoto: Lou Levit