Willkommenskultur – Interview mit Kerstin Hack

Willkommenskultur – Interview mit Kerstin Hack
29 Sep 2015

Fragen an Kerstin Hack, die Herausgeberin des Quadros Willkommenskultur. Flüchtlinge kennenlernen und unterstützen.

Kerstin, was liegt dir beim Thema Willkommenskultur und Flüchtlingen besonders am Herzen?

Ich wünsche mir eine Willkommenskultur, die herzlich, warm, großzügig und gut durchdacht ist. Mit Herz die Menschen willkommen heißt, und mit Verstand die praktischen und sozialen Herausforderungen angeht. Deshalb bietet das Quadro auch Anregungen zum Nachdenken und Vertiefen.

 

Kannst du uns von einer besonders prägenden persönlichen Begegnung mit Flüchtlingen erzählen?

Ich arbeite ja unter anderem als Coach und bin unter anderem in Wingwave ausgebildet, einer Technik, die effektiv hilft, Blockaden und Ängste zu lösen. Kürzlich habe ich mich mit einem Flüchtling unterhalten, der eine relativ entspannte Flucht hatte – er kam mit einem Touristenvisum per Flugzeug nach Europa. Ich habe ihm von meiner Ausbildung erzählt und habe ihm gesagt, dass ich gern Flüchtlingen ehrenamtlich helfen möchte, belastende Fluchterlebnisse zu verarbeiten. Und dass er das gern seinen Freunden erzählen könnte. Zu meiner Überraschung sagte er: „Dann bin ich der erste!“ Und erzählte mir, dass die Flucht zwar leicht, aber die Erlebnisse aus dem Krieg vorher sehr belastend für ihn waren.

Ich war beim späteren Coaching überrascht, mit welcher Offenheit ein Mann, der aus einer konservativen, arabischen Familie stammt, mir von persönlichen Problemen erzählte. Es hat mich berührt, wie viel Vertrauen er mir als Frau aus einem fremden Kulturkreis schenkte. Begegnung ist immer anders als erwartet und ungemein bereichernd.

 

Was erhoffst du von dem Quadro – an wen ist es gerichtet?

Als wir das Trainings-Quadro im Sommer 2014 geplant haben, konnten wir nicht ahnen, wie zum einen die Flüchtlingszahlen steigen, zum anderen die Bereitschaft unter den einheimischen Menschen, sich zu engagieren. Ich erhoffe mir von dem Quadro, dass es vielen, die sich engagieren möchten, den Einstieg leichter macht. Und Menschen, die schon aktiv sind, stärkt und inspiriert.

Das Quadro ist vor allem für Menschen gedacht, die sich gern engagieren möchten. Es soll zum einen Hintergründe zu Flucht vermitteln, Kulturverständnis fördern und dann ganz praktische Wege zeigen, wie man sich sinnvoll engagieren kann. An dem Quadro gefällt mir besonders, dass es Menschen ermutigt, sich Wege des Engagements auszusuchen, die zu ihnen, ihrem Zeitbudget und ihren Fähigkeiten und Leidenschaften passen. Nur so kann sichergestellt werden, dass beim Engagement langfristig nicht die Puste ausgeht.

 

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste, was wir geflüchteten Menschen, die in unserem Land ankommen, geben können?

Zum einen Wärme, Herzlichkeit und praktische Hilfe. Zum anderen Orientierung. Die geflüchteten Menschen kommen ja aus einem andern Kultur- und Wertekontext hierher. Da ist es hilfreich, Lebensweisen und Werte zu erläutern und anzubieten, die unsere Kultur geprägt haben und die uns wertvoll sind. Es kann geflüchteten Menschen Sicherheit und Orientierung geben, wenn sie etwa erfahren, dass die Polizei hier in der Regel keine Bestechungsgelder entgegennimmt oder welche Werte und Denkweisen den Umgang zwischen den Geschlechtern prägen. Und gegebenenfalls neue Wege des Denkens und Handelns eröffnen.

 

Was macht dich besonders glücklich, wenn du an Willkommenskultur denkst?

Ich bin begeistert von den vielen guten, kreativen Projekten, die Menschen ins Leben rufen. Menschen sind unglaublich kreativ, organisieren Material, nähen Kinderdecken, organisieren Deutschkurse, bringen Flüchtlingen das Schwimmen bei, organisieren Kochkurse von Flüchtlingen für Einheimische und vieles mehr. Es gibt so viel kreative aber auch gut durchdachte Ideen und Projekte – egal ob es sich um lokale Hilfe handelt oder um weitreichende internationale Projekte wie etwa die Kiron Universität, die Flüchtlingen ein Studium ermöglicht, auch wenn ihre Anerkennung noch nicht abgeschlossen ist. Mit dem Erlös aus dem Quadro werden wir auch Stipendien für Flüchtlinge an der Kiron Universität fördern.

 

 

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Foto: Maria Shanti Photography – mariashanti.com