Luther und die dunkle Seite der Reformation – Teil 1

Luther und die dunkle Seite der Reformation – Teil 1
05 Jan 2017

Die Wartburg, die Schlosskirche in Wittenberg – die großen Orte der Reformation – sind in den letzten Jahren aufwändig renoviert worden, um das nun beginnende Reformationsjubiläum gebührend zu feiern.

Und zu Recht: Was Luther geleistet hat, ist beeindruckend. Es ist ihm gelungen, das unter Jahrhunderte alten, zum Teil wenig hilfreichen Traditionen, verstaubte Evangelium neu zu entdecken und bekannt zu machen.

Egal ob er nun „Hier stehe ich – ich kann nicht anders!“ tatsächlich gesagt oder „nur“ gelebt hat: Mit seinem Vorbild, seinen kraftvollen Texten und Liedern hat er unseren Kontinent, ja unsere ganze Welt geprägt.

Die dunkle Seite der Reformation

Wer vom Licht spricht, sollte auch die Schatten nicht verschweigen. Das wohl düsterste Kapitel der Reformation ist die Verfolgung der Täufer-Christen. Die Schweizer Reformatoren um Zwingli befürworteten in der Anfangsphase der Reformation die Erwachsenentaufe gläubig gewordener Menschen.

Als der Züricher Stadtrat sich – aus praktischen und politischen Gründen – für die Kindertaufe aussprach, präferierte auch Zwingli diese Option. Diejenigen Christen, die aus Glaubensgründen nur mündige, erwachsen gläubig gewordene Menschen zur Taufe zulassen wollten, wurden von nun an blutig verfolgt.
Tausende von Täufer-Christen wurden vertrieben, enteignet, ertränkt, verbrannt oder geköpft.

Peter Hoover, selbst Nachkomme einer Täufer-Christin, die, als sie in den Wehen lag, von ihren Fesseln gelöst und so aus dem Kerker fliehen konnte (was für eine Frau!), hat die Geschichte der Täufer, ihrer Überzeugungen und ihrer Verfolgung bewegend dargestellt.

Sein Buch erschüttert und rückt eine wenig beachtete traurige Realität ins Licht. Es macht auch deutlich, für welche Werte die Täufer standen:

  • mündiges, erwachsenes Christsein – gelebte Priesterschaft aller Gläubigen
  • freie, eigene Entscheidung zur Taufe
  • einfacher Lebensstil, Teilen von Besitz
  • Ablehnung jeder Form von Gewalt

Viele der Punkte, die die Täufer betonten, sind auch Aspekte, die der heutigen Generation von Christinnen und Christen immer wichtiger werden: Mündigkeit, einfacher Lebensstil usw. Umso schmerzlicher ist es zu realisieren,  wie diese Menschen und die Schätze, die sie trugen, zerstört wurden – im Namen der Reformation.

feuertaufe_cover_rgb_50Kerstin Hack hat das Buch ins Deutsche übersetzt: Feuertaufe für die Freiheit. Das radikale Leben der Täufer – eine Provokation

Das Buch ist ein Augenöffner für

  • evangelische und katholische Christinnen und Christen, um die eigene Geschichte – auch die schmerzlichen Seiten und die Schwierigkeiten, die manche Landeskirchen mit Freikirchen haben – von der Wurzel her zu verstehen
  • freikirchliche Christen, auch um die eigene Geschichte besser zu verstehen und ihre Schätze neu zu entdecken
  • Nichtchristen, um zu begreifen, was unser Land – positiv wie negativ – geprägt hat

Vor einigen Jahren hat der Lutherische Weltbund Nachkommen der Täufer um Vergebung für die jahrhundertelange Verfolgung der Täufer gebeten. Der Weltbund empfahl den Mitgliedskirchen diese Bitte um Vergebung auch in ihren eigenen Ländern auszusprechen und Wege der Heilung zu suchen. Doch das ist bisher in Deutschland noch kaum geschehen. Es wäre wunderbar, wenn das Reformationsjahr sich auch offen den Wunden stellt, die die „Gewinner“ der Reformation anderes geprägten Christen – und natürlich auch Juden – zugefügt haben – und Wege der Heilung gefunden werden.

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Dieser Text ist der erste einer Serie während des Lutherjahres zur „dunklen Seite der Reformation“ – mit Fakten und Auszügen aus dem oben erwähnten Buch „Feuertaufe“.

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Martin Luther verdient es, trotz der dunklen Seiten der Reformation – gefeiert und in seiner Leistung gewürdigt zu werden. Wir haben ihm und seiner Leistung – schon vor dem Reformationsjahr – in unserer Weltveränderer-Serie ein kleines Denk-Mal gesetzt. Und empfehlen diese Kompaktbiografie allen, die sich einen kurzen, aber zugleich fundierten Überblick über sein Wirken verschaffen wollen, ohne gleich Hunderte von Seiten zu wälzen.

i-68_w10_martin-luther_presseMartin Luther. Einer, der auf die Kraft des Wortes baute

Das Heft ist natürlich – gerade auch im Lutherjahr – ein schönes Geschenk. Der 10er-Pack kostet nur 20 Euro.