Christen in der Kunst oder christliche Künstler?

Christen in der Kunst oder christliche Künstler?
20 Sep 2016

Fragen über Fragen:

  • Ist jede Kunst, die ein bekennender Christ macht, gut, wahr und schön?
  • Müssen Christen in ihrer Kunst, ihren Glauben direkt zum Ausdruck bringen? Wenn ja, wie?
  • Kann künstlerische Schaffen eines Menschen, der sich nicht explizit Christ nennt, Wahrheit ausdrücken? Oder trifft er automatisch daneben?

In Bezug auf Kunst gibt es in christlichen Kreisen viel Unklarheit, Vorurteile und vorgefasste Meinungen. Ganz besonders herausgefordert sind Künstlerinnen und Künstler, die sich nicht aufspalten wollen zwischen ihrem Leben als Künstler und ihrem Leben im Glauben. Das gilt besonders dann, wenn sie ihre Kunst nicht ausschließlich in einen religiösen Kontext stellen oder im Rahmen christlicher Veranstaltungen ausüben möchten.

  • Doch was genau kennzeichnet „christliche Kunst“? Gibt es so etwas überhaupt?
  • Wer oder was ist ein „christlicher Künstler“?
  • Wäre es nicht viel befreiender, von Christinnen und Christen in  Kunst und Medien zu sprechen?
  • Wäre es nicht auch an der Zeit, Kriterien, die an Kunst von Christen und Nichtchristen gestellt werden, zu überdenken?

Diese Fragen zu durchleuchten – dazu regt Steve Turner durchdacht und provokant an.

Steve Turner ist Schriftsteller und Musiker sowie Autor des Buches Imagine. Christen in Kunst, Musik und Medien. Einem befreienden Buch nicht über christliche Künstlerinnen und Künstler, sondern über Kunstschaffende in der Kunst. Er erzählt davon, wie er in jungen Jahren einen bahnbrechend neuen Blick auf Kunst und schöpferisches Arbeiten erhielt:

„Diese Tage in der Schweiz verbrachte ich mit vielen anderen Christen. Wir schärften ein neues Empfindungsvermögen im Blick auf Kunst. Viele von uns kamen aus einem Umfeld, in dem alles Kulturelle entweder als christlich oder unchristlich, geistlich oder fleischlich definiert wurde.
Der Leiter der Einrichtung, Henri Schaeffer, schlug uns dagegen vor, die Werke, die wir uns vornahmen, individuell zu betrachten. Anstatt  zu fragen «Ist dieser Künstler bekehrt?» hieß es: «Ist dieses Kunstwerk technisch hervorragend? Ist es ein stichhaltiger Ausdruck der Sicht, mit der ein Künstler die Welt betrachtet? Sind Form und Inhalt gut vereint? Wird Wahrheit kommuniziert?» Die Auswirkungen dieser Herangehensweise waren befreiend.
Wenn man die alten Kategorien anwandte, waren die Beatles, die damals die Popkultur dominierten, mit Sicherheit weltlich, fleischlich und teuflisch. Keiner von ihnen gab vor, Christ zu sein, ihre Lieder verherrlichten nicht Gott und sie nahmen illegale Drogen.
Wenn man jedoch ihre Kunst auf die neue Weise betrachtete, herrschten andere Erwägungen vor. Zeigten sie technisch hervorragende Leistungen? Brachte ihr Werk ihre Weltsicht  klar zum Ausdruck? Harmonierten Aussage und Form? Wurde in den Liedern in irgendeiner Form Wahrheit kommuniziert?

Evangelikale Christen benutzten traditionell die Erlösung als Ausgangspunkt für alles andere: War der Künstler wiedergeboren? Wurde die Wiedergeburt im Singen, Schreiben oder Malen des Künstlers thematisiert? Für Schaeffer war der Ausgangspunkt die Schöpfung. Jeder ist im Bild Gottes geschaffen. Menschen mit künstlerischen Gaben konnten gar nicht  anders, als auf irgendeine Weise dieses ursprüngliche  Bild widerzuspiegeln.

Diese Sichtweise bestätigte, was ich schon lange instinktiv empfunden hatte – dass eine Menge Kunst, die von Christen erschaffen wurde, schlecht und eine Menge Kunst von Nichtchristen gut war. Ein beliebtes Kirchenlied konnte durchaus schlecht sein, während das Gemälde eines offensichtlichen Sünders möglicherweise gute Kunst Vision 14 war.

Weil Christen oft die Wahrheit zum einzigen Kriterium gemacht hatten, haben sie die Bedeutung der künstlerischen Anstrengungen in der Kunst nicht genug beachtet. Dadurch haben sie sich selbst um einen großen Schatz an kulturellen Erfahrungen gebracht. Darüber hinaus war die Wahrheit, die ihnen so wichtig war, sowieso nur ein Teil der ganzen Wahrheit. Die Vielschichtigkeit des menschlichen Lebens wurde bei der Suche nach der «einfachen Wahrheit» übersehen.

Christlicher Dichtung zum Beispiel fehlte das tiefe Gewebe des wahren Lebens, weil ihre Urheber die Form lediglich gebrauchten, um Menschen zu evangelisieren, von denen sie annahmen, dass sie das Evangelium in jeder anderen Form ablehnen würden. Der Mangel an Christen in der populären Kunst und die minderwertige Qualität der zeitgenössischen «christlichen Kunst» wirkten sich auf mich aus, als ich Teenager war. Das Christentum schien kulturell irrelevant zu sein, weil die Ansprüche der Kunst ignoriert wurden.

Bedeutete dies, dass Christen sich in der «wirklichen» Welt einfach nicht durchsetzen konnten? Konnten kulturelle Ausdrucksformen des Christentums nur überleben, wenn sie ohne Konkurrenz in einer abgeschiedenen Enklave der christlichen Subkultur blieben?

Die als «christlich» bezeichneten Werke waren oft minderwertig mit einer naiven Weltsicht, so dass das Christentum veraltet und inspirationslos wirkte. Wie groß konnte dieser Gott sein, der sich von solchen Werken repräsentieren ließ? Wie spannend war ein Leben, das offensichtlich Trostlosigkeit statt Farbe, Seichte statt Vielschichtigkeit, Sicherheit statt Risiko wählte?

Auszug aus der Einleitung von Steve Turners: Imagine. Christen in Kunst, Musik und Medien.
Erhältlich direkt bei Down to Earth und im Buchhandel.

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