Unsere Autoren kennenlernen: Jan von Wille

Unsere Autoren kennenlernen: Jan von Wille
29 Mrz 2017

Jan, was machst du gerade?

Zurzeit bin ich in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Vor 22 Jahren habe ich eine Kirchengemeinde gegründet, die ich bis heute noch leite. In diesem Jahr werde ich die Leitung jedoch in andere Hände übergeben und arbeite stärker im Bereich Beratung, Training, Malerei und Bücher schreiben.

 

Was war dein Buch des letzten Jahres? Und wieso?

„Reifes Leben“  von Richard Rohr.

Im Englischen heißt dieses Buch „Falling upwards“.  Dieser Titel trifft das Anliegen Rohrs besser. Er beschreibt die spirituelle Entwicklung des Menschen und orientiert sich an der Reifung Jesu, der „fällt“ bis zum Tod am Kreuz und in der Aufweckung erhöht wird. Reifen ist ohne Fallen nicht zu haben. Richard Rohr belegt diese These packend mit Erfahrungen aus Gefängnisseelsorge, Ordensleben und spiritueller Reifung. Die Themen des Buches sind keine Fastfood-Wellness-Literatur; man muss sie „durchleben“, um sie sich wirklich anzueignen. Ich habe durch dieses Buch wieder eine wachsende Ehrfurcht vor dem menschlichen Lebensweg bekommen.

 

Was inspiriert dich?

– Reisen in für mich unbekannte Länder. Dabei versuchen, mit möglichst wenig Gepäck, Geld und Wissen die Gegenden zu erkunden. Herrlich war mein letztes Erlebnis in Armenien – von Kloster zu Kloster und dann unter freiem Himmel schlafen.
– 90prozentige schwarze Schokolade in Verbindung mit einem guten Espresso.
– Bücher – ich liebe sie!
– Malen im Sommer in unserem Garten.
– Gespräche mit interessanten Menschen – entweder geplant im Café oder auch spontanes Kennenlernen im Alltag.

 

Wer darf in dein Leben sprechen?

Meine Frau und meine besten Freunde.
Darüber hinaus Menschen, mit denen ich aufgrund von Verantwortung verbunden bin.
Seit vielen Jahren habe ich auch einen Mentor, den ich einmal im Monat sehe. Die Treffen sind für mich immer wieder wie ein lebendiges Tagebuch.

 

Wann fühlst du dich wie ein Fisch im Wasser?

Beim Schwimmen 😉
Wenn ich in einem kleinen Team etwas Neues gründe.
Beim Malen.
In Gesprächen, bei denen es um Lebensperspektive und Veränderung geht.

 

Was hat dich im Leben am meisten Mut gekostet? Was hat dir den Mut gegeben?

Oh, da gibt es sehr viel.
Die Gründung einer Kirchengemeinde, der Start in die Selbständigkeit, der Beginn einer Lebensgemeinschaft. Also alle Weichenstellungen, bei denen ich nicht wusste, ob meine Erfahrungen und Ressourcen ausreichen werden.

Auch das Stehen zu meinen Veränderungen. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und habe mich im Laufe der Zeit in einigen Lebensbereichen und Ansichten stark verändert. Das war für mein Umfeld nicht immer einfach. Aber auch für mich selbst brauchte es Mut, zu den Veränderungen zu stehen und mir selbst gegenüber treu zu sein.

Was mir den Mut gegeben hat?

  1. Das Gespür, dass Gott und mein Herz mich in neue Lebensfelder rufen.
  2. Dann auch die zurückliegenden Erfahrungen: Bisher sind doch immer wieder (oft in letzter Sekunde) die entscheidenden Türen aufgegangen.
  3. Das tiefe Wissen, dass Leben bedeutet, der inneren Berufung zu folgen. Das bedeutet immer, bestimmte Komfortzonen zu verlassen. Sehr traurig finde ich es, wenn Menschen aufgrund von Angst und Sorge über die unsichere Zukunft einfach im Gewohnten stehen bleiben.

 

Welche Frage würdest du Gott stellen wollen?

Also wenn ich mal „eines Tages vor ihm stehen werde“ wird es wohl keine Fragen mehr geben. Bis dahin tauchen jeden Tag eine Menge Fragen auf. Und das ist gut so! 😉

 

Was wolltest du als Kind werden, wenn du mal groß bist?

Künstler, Erfinder, Rebellenführer.

 

Was bedeuten dir Bücher?

Bücher sind für mich gute Freunde und Wegweiser.
– Biografien: Berührung eines Menschen über Distanz hinweg,
– Sachbücher: Fenster zu neuen Räumen,
– Romane: Entführung in ferne Welten,
Mein Lieblingszitat hierzu von Kafka: „Ein Buch muss sein wie eine Axt für das gefrorene Eis in uns.“

 

Mit welchen 3 Menschen – ob lebend oder tot – würdest du dich gerne mal treffen? Wieso?

Jesus von Nazareth – klar! Ich versuche, mein Leben nach ihm auszurichten. Ein Abgleich vor Ort wäre hilfreich.

Alexander der Große. Ein wirklich interessanter Typ – von Aristoteles intensiv begleitet und dann in jungen Jahren ausgezogen, um ein Weltreich zu gründen. Unter ethischen Gesichtspunkten natürlich sehr fraglich. Aber ein Visionär, der schon zu seiner Zeit versucht hat, die östliche und westliche Kultur zu verbinden.

Rainer Maria Rilke –  mein Lieblingsdichter. Ein geheimnisvoller Typ. Ich würde gern den Menschen hinter diesen sagenhaften Versen erleben.

 

Lebst du deinen Traum? Inwiefern?

Ich weiß, was mit dieser Frage gemeint ist. Über viele Jahre hinweg habe ich sehr visionär gelebt. Berufung finden, Jahresziele definieren, runterbrechen in Quartale und Wochenprojekte etc. Jedoch lerne ich zurzeit, mich nicht zu sehr von einer Zukunftsvision leiten zu lassen. Ich habe weiterhin Wünsche und Ziele für die nächsten Jahre. Wichtiger wird mir jedoch, mich auf jeden Tag ganz offen und kindlich einzulassen und meinem Herzen zu folgen. Ich möchte Zufriedenheit und Glück im Jetzt erleben können, immer losgelöster von der Erfüllung von Zukunftsträumen.

 

Was bedeutet Achtsamkeit für dich und dein Leben? Wie kam es zu dir? Was fasziniert dich daran?

Achtsam sein ist für mich vor allem eine Möglichkeit, im Alltag den inneren Autopiloten abzustellen. Also nachzuschauen, was gerade los ist. Es bedeutet für mich, mir bewusst zu sein, was gerade im Innen und Außen passiert, in meinem Kopf, meinem Körper und in der direkten Welt vor meinen Augen – quasi die Beobachtung des jetzigen Moments, ohne zu urteilen oder zu werten. Achtsamkeit ist mittlerweile ein Grundpfeiler meines Lebens geworden. Ich bin heute ruhiger, gelassener und geduldiger. Ich habe mehr Interesse für mich, meine Umwelt und für meine Mitmenschen. Ich jammere und beklage mich viel weniger. Es ist wie eine tiefe Reinigung für meinen Geist und meine Seele.

Ich sehe in der Kultivierung von Achtsamkeit eine dringend benötigte Medizin für unser Miteinander in Beziehungen, Familien, Gemeinschaften und Unternehmen.

Die Praxis der Achtsamkeit veränderte meine Art zu denken, zu sprechen, zu entscheiden und zu führen. Sie verschaffte mir einen klaren Blick auf die Zusammenhänge meiner inneren Wünsche und äußeren Taten. Kontemplation und Achtsamkeit haben einen tiefgreifenden Selbsterkenntnisprozess eingeleitet, der bis heute andauert.

 

quadro-cover_achtsamkeit-lebenJan von Wille hat bei Down to Earth das Quadro geschrieben: Achtsamkeit leben. Die Kraft der Gegenwart entdecken. Für 5 Euro erhältlich direkt beim Verlag. Auch als E-Book.

 

 

 

Mehr über und von Jan von Wille auf seinem Blog: www.Lebenvertiefen.de.